Jasmin N.Weidner

 

 

Ich müffele. Meine Kleidung, meine Haare, der Schreibtisch. Dabei ist der Mief nicht zum Himmel kreischend, sondern ganz bequem. Ich bin Studentin, arbeite nebenher. Manchmal arbeite ich und studiere nebenher. Später will ich mal Geld haben, viel Urlaub und einen Kaffeevollautomaten. Meine Freunde sollen in Bands spielen, Kunst ausstellen, Hornbrillen tragen, Tee trinken. Wenn der Tee aus ist, dann Gintonic. Wenn es den mal nicht gibt, dann auch einen Latte. Mit Kuhmilch. Nicht Soja. Das schmeckt einfach nicht und außerdem ist das albern. Modeerscheinung Laktoseintoleranz. Es gibt auch Statussymbole, die ich nicht brauche. Aber mal eins nach dem anderem. Du platzt grade in mein Leben und erwischst mich in einem dieser Momente. Dabei sollte ich mich doch erstmal vorstellen. Mein Name tut nichts zur Sache, der ist austauschbar. Genau wie wir alle. Ich meine natürlich:

 

Hallo.

 

Es ist Mittwoch, Hochsommer. Draußen brüllen die Vögel um die Wette mit den Motoren. An der Schönhauser Allee lebt es sich laut. Genau genommen lebt es sich gar nicht. Nicht spannend genug für Mitte und nicht reich genug für den Hinterhof. Immerhin ist die Eberswalder Straße nur 10 Minuten entfernt. Ich lebe hier nicht allein. Mit mir wohnen zwei Mitbewohner und drei Kaninchen. Wir fanden es lustig zum Einzug Kaninchen zu kaufen. Jeder eins. Dann haben die Mistviecher angefangen die Kabel anzufressen, die Tapete anzunagen und der Käfig nimmt die Hälfte vom Balkon ein. Eigentlich bin ich allergisch gegen Kaninchen. Musst Du eigentlich soviel von meiner Vergangenheit erfahren? Reichen nicht die nackten Fakten?

Ich bin eine Frau, lebe in Berlin, studiere und wohne in einer WG. Ich besitze ein Smartphone, einen MP3-Player, das übliche eben. Einen Freund habe ich auch. Er spielt in keiner Band, macht keine Kunst, trägt keine Brille und findet Tee ekelhaft. Dafür trinkt er Sojalatte, er ist nämlich laktoseintolerant. Manchmal glaube ich, dass er das nur so sagt und eigentlich alles konsumieren kann, was er mag. Er arbeitet irgendwas in einem Büro – als Aushilfe. Beim Anwalt glaube ich, hauptsächlich studiert er. Politik. Ich hasse Politik. Genau deswegen verzweifle ich auch an diesem schönen Mittwochmorgen. Die Hausarbeit für mein Seminar in Politik will mir einfach nicht von der Hand gehen. Schreibblockade. Ob das daran liegt, dass ich keinen Bock darauf habe?

Manchmal stelle ich mir Dinge vor. Wie im Fernsehen. Ach so, ein Fernsehgerät besitze ich natürlich nicht. Mit meinem überteuerten tragbaren Computer schaue ich allerdings leidenschaftlich jede Sendung, die ich finden kann. Das interessiert die Stelle mit dem Gebühreneinzug aber auch nicht.

Was ich mir manchmal vorstelle? Wenn ich nicht immer abschweifen würde. Es fällt mir schwer meine Gedanken zu sortieren. Immer der Blick auf das Telefon, auf die Mails, auf meine sozialen Onlineportale. Auf allen Fotos sehe ich schön aus. Schlank, ebenmäßig, mit einem klaren Lachen. Um eins dieser Bilder zu machen, muss ich 30 von meiner Digitalkamera löschen. Ich will ja nicht mit einem albern verzogenen Mund in die Kamera lächeln oder meine Zähne zeigen. Die mag ich nicht besonders. Genauso wie Zehen. Es gibt Dinge am Körper, die ich einfach nicht attraktiv finde. Zähne, Zehen, Ohren, Bauchnabel, Knie. Moment. Ich muss mich jetzt wirklich mal sammeln. Irgendwie ist mir heute so nach Frühlingsputz. Den ganzen Mief wegwischen und noch mal zurück auf Anfang. Das stelle ich mir dann vor. Wenn ich meinen Träumen als Teenager nachgegangen wäre, wäre ich jetzt Primaballerina. Oder Turnierreiterin. Ehefrau mit 3 Kindern und einem Pony. Wenn ich ehrlich bin: Mir liegt das alles nicht. Deswegen habe ich auch keine Lust drauf. Ich habe keine Lust auf diese WG, die Tiere, den Freund, den Job. Habe ich schon gesagt, wo ich arbeite? In einem Callcenter. Inbound. Nur Inbound. Arme alte Omas anrufen und ihnen das Gesparte abzocken, mache ich nicht. Arme alte Omas rufen bei mir an und fragen mich Dinge, bei denen ich die Augen rolle. Zu 95% ist es auch immer die gleiche Frage. Manchmal passieren dabei lustige Geschichten. Wenn ich gefragt werde, ob das Wetter besser wird oder der Klempner schon auf dem Weg ist. Das weiß ich nicht und ich arbeite auch nicht bei der Auskunft. Aber die Oma freut sich für ein paar Cent pro Anruf mit einer menschlichen Stimme zu reden und deswegen spreche ich manchmal trotzdem mit ihr. Wenn der Teamleiter das mitbekommt, muss ich immer schnell Unsinn ins Telefon stammeln und hoffen, dass das nicht aufgezeichnet wurde. Eine Zeit lang habe ich als Barista gearbeitet. Das war aber auch nicht meins. Eine Bohne ist eine Bohne - ist eine Bohne. Wenn ich eine Bohne oben reinstecke, kommt – je nach Knopfdruck – Espresso unten raus oder Kaffee. Weil Espresso ja auch Kaffee ist. Denke ich wenigstens. Wie gesagt, das liegt mir nicht. Meine Freunde und ich trinken Tee. Freunde ist allerdings auch wieder ein sehr großes Wort. Mitbewohner, Mitstudierende, Mitarbeitende, Mitleidende. Mein großes Hobby hier ist Fotografieren. Mit meiner Spiegelreflexkamera bin ich immer unterwegs und mache Bilder von Hauswänden, Mülltonnen, Briefkästen, Menschen. Irgendwann habe ich mal mit dem Gedanken gespielt die Bilder zu veröffentlichen. Dann hatte ich auf einmal Angst mit der Veröffentlichung mein Hobby zu verlieren. Wenn niemand meine Fotos mag, dann bin ich wohl nicht so gut darin, wie ich es jetzt denke. Wenn ich nicht so gut bin, wie ich meine, dann macht es mir sofort weniger Freude und ist damit als Hobby für immer vorbei.

Heute ist wirklich ein doofer Tag. Die ganzen letzten Tage waren doof. Immer nur Verpflichtungen und kurzes Lachen. Hier eine Versicherung, da eine Mietminderung. Immer nur Dinge, die man machen muss, die aber doof sind. Ja, doof. Da gibt es kein schöneres Wort für.

Was wäre, wenn ich alles zurückdrehe? Einfach rauslaufen. Wie in einem Roman. Mein persönlicher Rauslauf-Roman.

Was wäre, wenn...

Nein! Nicht - was wäre wenn. Ich mach’s einfach. Ich kündige. Alles.

Jasmin N.Weidner -Autorin